PRESSESPIEGEL
(Quelle: Mannheimer Morgen, 04.05.2005)
"Das Beste, was man im Leben erreichen kann, ist ein 0:0"
KLEINKUNST: Steffen Herbold, Autor und Creative Director in der Werbebranche, schließt gerade das Ein-Frauen-Stück "Das Mädchen, das Uwe Seeler sein musste" ab
Wie stellt man sich einen Job in der Werbebranche vor? Spurtschwimmen im Haifischbecken, unter extremem Zeitdruck, immer Deadlines, Kunden und die Konkurrenz im Nacken. Dass unter diesen Umständen ein Chef-Kreativer Zeit und vor allem Muße findet, immer wieder Texte, sogar ganze Theaterstücke, nebenher zu schreiben, ist schwer vorstellbar. Aber Steffen Herbold, Creative Director bei der Viernheimer WOB, braucht diese künstlerischen Nebenkriegsschauplätze wie der Ball die Luft. "Die zwei, drei Jahre, die ich damit ausgesetzt habe, war ich ungenießbar", erzählt der 44-jährige Familienvater bei unserem Gespräch, das im Mannheimer Carl-Benz-Stadion seinen Anfang nimmt.
Der Ort ist dem Anlass angemessen: Herbold beschäftigt sich nämlich zurzeit damit, sein Einpersonenstück "Das Mädchen, das Uwe Seeler sein musste" abzuschließen. Die Komödie in zwei Halbzeiten zeigt vordergründig, wie Wally Friedrich, Managerin bei einem Sportartikelhersteller, über einer Flasche Cognac im Hotel dem Diktiergerät den Entwurf einer unvorhergesehenen Rede zum Thema Fußball anvertraut: "Guten Morgen, meine sehr geehrten Damen und Herren, lieber Pelé..." Was mit feuchtfröhlichem Galgenhumor beginnt, ufert zu einer Lebensbeichte aus, bei der die Hassliebe zum runden Leder, seinen Helden und Mythen den Mittelkreis markiert. Premiere ist im Oktober im Mannheimer Schatzkistl. Dort erfährt man dann auch, warum die selbst ernannte Marketing-Nomadin Wally (Ilona Christina Schulz) als kleines Mädchen auf dem Elfmeterpunkt stehen und Uwe Seeler sein musste.
Der Anlass, dieses Stück zu schreiben, liegt auf der Hand: Das Fieber der 2006 anstehenden WM jagt schon jetzt die Quecksilber-Säulen in die Höhe. "Deshalb ist Schatzkistl-Chef Peter Baltruschat mit der Idee auf mich zugekommen", berichtet Herbold. Perfektes Timing wie bei einer Bananenflanke von Manfred Kaltz - das unvollendete Werk konnte schon mehrfach als Gastspiel verkauft werden, Besucher, die bestenfalls den Titel und noch nicht einmal genaue Termine kennen können, fragen bereits nach Karten. Selbst der Deutsche Fußball-Bund prüfte ausgiebig, ob er die Mannheimer Produktion fördert und in sein Kulturprogramm zur WM aufnimmt.
Die Herboldsche Fußballkarriere endete in der B-Jugend des SSV Vogelstang, der Ritterschlag war ein phonstarker Anpfiff der Mannheimer Fußballgröße Fips Rohr, der ihn mitten im Spiel der Schulauswahl wie folgt zusammenfaltete: "Herbold! Du sollst spiele und ned denke!" Ein Satz zum Einrahmen.
Davon findet man auch viele im "Mädchen, das Uwe Seeler sein musste". Dabei speist sich der Text weit weniger aus dem geflügelt gewordenen Fußballer-Blödsinn á la www.blutgraetsche.de ("Egal, ob Mailand oder Madrid - Hauptsache Italien") oder "So werde ich Heribert Faßbender". Und obwohl Herbold keinen Hehl daraus macht, dass sein Stück in erster Linie gute Unterhaltung bieten will, sieht er es doch in der Dreierkette bekannter Einpersonenstücke weitaus näher an Süskinds "Kontrabass" als am Comedy-"Caveman". Denn kaum ein Brettl-Autor würde seinen Drang zur Komik damit begründen, "dass man über die Untiefen menschlicher Beziehungen beziehungsweise die Beziehungslosigkeit im modernen Leben immer noch lachen können muss. Sonst wäre es ja nicht auszuhalten."
Daran glaubt Herbold fest. Und daran, dass nicht das Gewinnen das wichtigste am Fußball ist, sondern das Verlieren. "Das Nachhausegehen nach Niederlagen ist doch der Alltag." Diese Philosophie gipfelt in der Essenz: "Ein 0:0 ist das Optimale, das man erreichen kann." Der bodenständige Volksheld "Uns Uwe" taugt in diesem Zusammenhang als bestes Beispiel dafür, dass die Besinnung auf sich selbst einem Leben in Glanz und Gloria vorzuziehen ist. "Wer nur noch den Gewinn der Champions League als Maßstab hat, kann nicht viel gewinnen."
Der persönliche Gewinn durch die künstlerische Arbeit muss für einen wie Herbold enorm sein, wenn er sie immer wieder mit seinem auch nicht ganz unaufwendigen Beruf unter einen Hut bringt - schließlich ist "Das Mädchen,..." schon sein viertes Stück seit den Studentenzeiten (Philosophie, Germanistik). Daneben war er als Pop-Texter für so verschiedene Künstler wie Bad Boys Blue, Uwe Ochsenknecht, De-Phazz, Sanfte Liebe und DdT Huber/Popforscher erfolgreich. "Man braucht eine realistische Zeitplanung, muss schnell und effektiv arbeiten. Und ich versuche, die Zeit zu minieren, in der ich mich mit Unsinn auseinander setze", erklärt Herbold, wie er seinen Spagat zwischen Kreativarbeit und Creative Director auf die Reihe bekommt. Zumindest dabei scheint aber mehr heraus zu kommen, als ein torloses Unentschieden...
Text: Jörg-Peter Klotz, Foto: Thomas Rittelmann
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