PRESSESPIEGEL

(Quelle: Mannheimer Morgen, 10.10.2005)

"Wenn Vater und Sohn Trainings-Sonderschichten absolvieren"

KLEINKUNST: Mit "Das Mädchen, das Uwe Seeler sein musste" zeigt das Mannheimer Schatzkistl ein unterhaltsames Stück Theater, das begeistert aufgenommen wurde

Waltraud Friedrich, Managerin einer großen Sportartikelfirma, wird nach einem langen, sehr erfolgreichen Arbeitstag in ihrem Feierabend gestört, weil - statt ihres erkrankten Chefs - sie selbst am nächsten Tag bei der Eröffnung eines neuen Stadions die Rede des Namens-Patens für die Arena halten muss. Also schlägt sie sich die Nacht um die Ohren und beginnt ihr Diktiergerät zu füttern: Mit banalen und philosophischen Gedanken zum Thema Fußball; mit zynischen, bitterbösen Betrachtungen über ein Spiel, das längst keines mehr ist.

Mit kabarettistischem Scharfblick entwickelt sie dabei eine ganz eigene Position zum Spiel aller Spiele, in dem es gar nicht um das Gewinnen geht. Auch in der Bundesliga sei immer nur von den verpassten Chancen die Rede, vom Nicht-Erreichten wie Klassenerhalt, UI-Cup, Uefa-Cup, Championsleague, belegt sie ihre Theorie des Verlierens - auf der sich übrigens ihr geschäftlicher Erfolg gründet. Ihre Trikot-Kollektion für Loser mit Aufdrucken "Ewiger Reservespieler" oder "Elfmeter verschossen" sind ein Renner, und demnächst kommt eine CD mit depressiven Schlachtgesängen unter dem Titel "Das ganze Leben ist ein Pfostenschuss" auf den Markt.

Soweit der erste Teil von "Das Mädchen, das Uwe Seeler sein musste." Der Mannheimer Autor Steffen Herbold ("Das Geheimnis der Dose", "Wer ist Willy Winkel?") hat das Stück als Auftragsarbeit von KulturNetz-Manager Peter Baltruschat geschrieben, im Mannheimer Schatzkistl wurde es nun unter großem Beifall des Publikums uraufgeführt.

Aber es irritiert anfangs. Zu Beginn noch ganz Schauspiel, wird es in der Regie von Vilmar Bieri schnell zu Kabarett. Stephanie Theiß als Wally spricht in dem neunzigminütigen Monolog nicht nur zu den Zuschauern, sondern bezieht sie - jetzt auch singende Entertainerin - in die Performance mit ein. Dennoch baut sich eine Distanz zu der taffen, zynischen Frau auf, die so viel weiß über Fußball, sich aber nur an seinen negativen Seiten zu weiden scheint.

Warum das so ist, wird nach der Pause klar. Nun kommen in Wally Erinnerungen hoch an eine Kindheit, in der sich alles nur um ihren Bruder Fritze drehte, ein echtes Fußballtalent. Sie darf zwar mit auf den Hartplatz, wenn Vater und Sohn Trainingssonderschichten absolvieren, aber sie ist immer nur die Flankenmarkierung für Fritze, oder personalisierter: Das Mädchen, das Uwe Seeler sein musste. Egal, was sie in der Folgezeit auch leistet, als Torschützenkönigin oder Top-Studentin, die mit Pele frühstückt - ihre Eltern nehmen die Tochter einfach nicht wahr.

Und wieder nimmt das Stück eine Wendung, wandelt sich die kabarettistische Distanz in Nähe, kommen jetzt auch tragikomische Töne ins Spiel. Und je mehr Wally von sich erzählt, desto deutlicher wird ihre persönliche Familientragödie, die ihre spätere Haltung erst verständlich macht.

Der Bruch zwischen den beiden "Halbzeiten" ist spürbar, dennoch ist "Das Mädchen, das Uwe Seeler sein musste" ein unterhaltsames, auch sprachlich intelligentes Stück, in dem Herbold ein männlich besetztes Thema aus ungewöhnlicher Perspektive anpackt. Dank des differenzierten Spiels von Stephanie Theiß geht es vordergründig um Fußball, tatsächlich aber um eine gewiss nicht einzigartige Familiengeschichte.



Text: Sibylle Dornseiff, Bild: Markus Proßwitz

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Das Mädchen das Uwe Seeler sein musste

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