PRESSESPIEGEL

(Quelle: Scala 11/05)

Null zu Null

"Das Mädchen, das Uwe Seeler sein musste" im Musik-Kabarett Schatzkistl
Fehlerfreies Mittelfeld

Für Uneingeweihte und solche, die sich weiterhin dem weltweit profitabelsten Mannschaftssport, auch genannt Fußball, gerne verweigern möchten, eine kurze Erklärung: Sowohl in erstklassig bezahlten Profikreisen, als auch unter passionierten Amateuren gilt es als äußerst scharfsinnige Allgemeinanalyse der Spielvorgänge, besonders bei Zieltreffern der gegnerischen Mannschaft, den Fehler bereits im eigenen Mittelfeld erkannt zu haben. Solche Untersuchungsergebnisse machen Eindruck und verschaffen Respekt. So jedenfalls die spitze Gegenwartsbeschreibung von Wally Friedrich.
Wally Friedrich ist als Managerin bei einem großen Sportartikelhersteller zuständig für die republikweite Fanartikel-Versorgung der Fußballfreunde. Und heute Abend ziemlich schlecht gelaunt. Müde sitzt sie in ihrem zeitgemäß anonymen Hotelzimmer. Den ganzen Tag hat sie mit dem Verhandeln über Vereinslizenzen zur Produktion neuer Merchandise-Artikel verbracht und nun das. Die für den nächsten Tag geplante Einweihung des neuen Großstadions inklusive medialer Live-Berichterstattung und großem Wirtschafts- und Politikeraufkommen scheint gefährdet, da ihr Chef im Krankenhaus liegt und die vorgesehene Eröffnungsrede nicht halten kann.
Wally soll das ganze doch eben mal übernehmen. Und so begibt sich die Protagonistin des Bühnenstückes von Steffen Herbold auf die Suche nach der großen Ansprache, die doch wohl irgendwo in ihr verborgen sein muss. Durch zwei komplette Halbzeiten begleiten wir Frau Friedrich, erstbesetzt mit Stephanie Theiß, auf ihrem scharfsinnigen und herrlich komischen Weg durch die schwarz-weißen Realitäten der Fußballwelt. Durch die Gipfel der Verwaltungs- und Marketingetagen der großen Vereine, die Tragödien auf der Fantribüne bis zum vielversprechenden Nachwuchs im Vorstadtverein kämpft sich Wally Friedrich und landet schließlich bei sich selbst.
Denn ausführende Managerin im Fanartikelgewerbe wird man schließlich nicht von ungefähr. In der zweiten Halbzeit des Stückes wird denn auch die Familiengeschichte umgegraben. Und nicht jeder kommt dabei gut weg. Soviel kann gesagt sein. Herbolds Monolog handelt von Menschen, die Fußball so richtig gern mögen. Menschen, die Fußball zu ihrem Leben gemacht haben. Wenn auch nicht immer freiwillig. Ob das nun die verunglückte Karriere als Starkicker ist oder das Heranwachsen in einer fußballvernarrten Familie. Gründe für ein Fußball-Leben gibt es viele. Und Stephanie Theiß schafft es, die Hoch- und Tiefpunkte eines solchen in knappen 90 Minuten und in Farbe zu verdeutlichen. Dass hier eindeutig mehr entstanden ist, als ein vergnüglicher Comedy-Abend ist nicht zuletzt ihren überzeugenden Ausbrüchen und sympathisch direkten Publikumsofferten zu verdanken. Und natürlich Steffen Herbold, dem es mit seiner Vorlage gelingt, selbst in den Momenten komödiantisch effektvoller Absurdität die Gefahren der beschämenden Bloßstellung zu umschiffen.
Somit dürften zwar die Grenzen zwischen Fußballfreunden und Fußballfeinden durch diesen Abend nicht aufgehoben werden. Doch ein wenig mehr Verständnis für unmännliche Tränen beim wiederholten Lattenschuss oder einem möglichen WM-Sieg der Deutschen Nationalelf 2006 kann dabei schon herauskommen. Oder wie Wallys angeschossene Fußballerseele erklärt: "Das Beste, was man im Leben erreichen kann, ist ein 0:0.” Alles sehr versöhnlich. Finden wir gut.

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Das Mädchen das Uwe Seeler sein musste

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